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Wie das Leben so spielt

5 Min. Lesezeit

Es fährt kein Bus nach Kalamidi

Griechisch ist nicht unbedingt eine Sprache, die einem zufliegt, vor allem, wenn die eigene Zunge vom Deutschen geprägt ist, wo bekanntlich weder R’s gerollt noch Th-Laute gebildet werden, die im Griechischen als Θ daherkommen und in jeder zweiten Silbe darauf lauern, einen sprachlich ins Straucheln zu bringen.

Ein Ort namens Palaiochora, der auf öffentlichen Verkehrsmitteln selbstredend in der griechischen Schreibweise angezeigt wird, stellt einen also vor Herausforderungen. Bei meinen ersten Kreta-Reisen in den Neunzigern ließ ich einige Busse vor meiner Nase abfahren, weil ich das, was ich für Buchstabensalat hielt, nicht als den Namen meines Sehnsuchtsorts zu identifizieren wusste. Hinzu kommt die Aussprache des Worts Palaiochora. Ich habe mich anfangs in den abenteuerlichsten Versionen probiert und es meine Landsleute gleichtun hören. Nicht wenige entscheiden sich für die Variante kurzer Prozess und sagen Paleo. Ich habe auch schon Pale gehört, aber ich finde, es gibt Grenzen. Seit ich herausgefunden habe, dass selbst Einheimische den Namen ihrer Stadt mit unterschiedlicher Betonung aussprechen, habe ich mich ohnehin entspannt.

So weit, so gut. Nun aber habe ich mich entschieden, genau diesem Ort mit einem Roman meine Liebe zu erklären. Seit einigen Jahren treibt es mich um, etwas zu schreiben, was hier spielt, etwas Größeres, in das ich meine Erfahrungen, Gedanken und Gefühle einbinden kann, aber über ein paar Kurzgeschichten und Romanskizzen bin ich nicht hinausgekommen. Das liegt nur zum Teil an der sperrigen Unaussprechlichkeit des Orts, der, wie ich meine, in den Titel gehört. Welcher Geliebte will schließlich nicht beim Namen genannt werden?

Je länger ich an meinem Roman arbeite, umso klarer wird mir, dass es mir einerseits zwar um eine Art Liebeserklärung, aber eben auch noch um etwas ganz anderes geht. Ich will keine Chronik des Orts schreiben. Dies wird kein Sachbuch, hier wird etwas erzählt. Auch ist es nicht meine Absicht, mir diesen Ort anzueignen, seine Gegebenheiten oder schlimmer noch die Menschen mit ihren Geschichten auszubeuten. Meine Figuren und die Handlung sind frei erfunden, einzig der Aufhänger ist real. (Im Roman geht es um den geplanten Bau einer Ölplattform kurz vor der Küste des Orts, die diesen vor eine Zerreißprobe stellt. Diese Idee gibt es tatsächlich, seit Jahren rumort sie in Gremien, Foren und Gesprächen. Ob und wie sie realisiert wird, hat nichts mit meiner Geschichte zu tun. Wie meine Figuren darauf reagieren, welche Wendungen sie herbeiführen und welche Katastrophe sie verursachen, ist frei erfunden.)

So traf es sich, dass ich vor einiger Zeit in der englischsprachigen Literaturecke des örtlichen Buchladens stand und mir prompt ein Fotobuch über Palaiochora in die Hände fiel. Ich las, dass der Ort sehr wahrscheinlich auf den Trümmern einer antiken Stadt namens Kalamydi errichtet worden ist. Andere Quellen gehen davon aus, dass es eine dorische Siedlung nahe beziehungsweise nordöstlich des heutigen Palaiochora gab, die vermutlich als Hafenort des antiken Kandanos genutzt wurde. Viel mehr ist nicht bekannt. Ein Glück. Denn es ist diese Lücke, die mir gefällt. Ein weißer Fleck auf der Landkarte. Unerforschtes Gebiet. Darauf wartend, zum Leben erweckt zu werden. Der perfekte Name für mein höchsteigenes Palaiochora, für diese fiktive und doch reale Stadt. Kalamidi.

Das Einzige, was ich mich bald darauf frage, ist: Darf ich das? Einen realen Ort einfach so umtaufen? Was darf Literatur überhaupt? Was schuldet Fiktion der Wirklichkeit und wo beginnt ihre eigene Wahrheit? Werde ich dann dem wahren Ort noch gerecht? Und was wird eigentlich aus meiner Liebeserklärung?

Mir kommt Christa Wolf in den Sinn. Sie sagt: Zu erzählen heiße, wahrheitsgetreu zu erfinden auf Grund eigener Erfahrung. Wobei unter wahrheitsgetreu nicht zu verstehen sei, dass das Geschriebene dokumentarisch korrekt oder eins zu eins abbildend zu sein habe, und erfinden nicht bedeute, dass man beliebig lügen oder sich komplett von der Wirklichkeit entfernen dürfe. Hier liege die eigene Verantwortung, die sich zusammen mit dem Standort aus der Erfahrung ergebe. Es geht also um eine Verbindung zwischen subjektiver Erfahrung, Wirklichkeit und Fiktion.

Genau dies versuche ich mit KALAMIDI. Palaiochora ist ein realer Ort mit Menschen, Geschichten, Konflikten und einer Gegenwart, die mir nicht gehört. Er ist keine Material- oder Anekdotensammlung, die sich eins zu eins in einen Roman übertragen ließe.

Kalamidi dagegen ist ein literarischer Ort. Er entsteht aus meiner Erfahrung, meiner Beobachtung und Recherche, aber auch aus Lücken, Verschiebungen und Erfindung. Kalamidi ist nicht Palaiochora. Aber es trägt etwas von seinem Licht, seiner Landschaft, seinen Prägungen und seinen Widersprüchen in sich. Es ist ein Ort, der aus Wirklichkeit entstanden ist und in der Fiktion seine eigene Wahrheit findet.

Es ist ein wenig wie damals, als ich merkte, dass jeder das Wort Palaiochora ausspricht, wie es ihm gefällt: Es ist in Ordnung. Ich kann mich entspannen. Ich darf meinen Ort Kalamidi nennen.

Dadurch, dass ich den Namen verändere, schaffe ich mir zudem genau den Abstand, den ich brauche, um mich frei durch die Ebenen, die Abgründe und Wendepunkte meines Romans zu bewegen.

Die Freiheit des Erfindens schafft Raum für eine Wahrheit, die mehr ist als bloße Dokumentation. Mein Roman handelt nicht von Sonnenuntergängen, Tavernen und persönlichen Kreta-Erlebnissen (oder zumindest nur zu einem kleinen Teil). Es geht vor allem um die Frage, wo die wahren Ressourcen einer Gesellschaft liegen; ich schreibe über Tourismus und lokale Lebenswelten, über Gewalterfahrung, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und einem besseren Leben. Und Kalamidi ist der Ort, der entstehen musste, damit ich davon erzählen kann.

Nun sitze ich schon seit einiger Zeit an KALAMIDI und der Name ist mir so vertraut, dass ich mitunter selbst überrascht bin, dass der Ort selbst in Wirklichkeit ja anders heißt. Ich mag es, dass das griechische Wort καλά – gut – darin enthalten ist. Als ich kürzlich die Gelegenheit hatte, einen Auszug aus dem Roman vorzustellen, wurde ich nachher gefragt, ob der Titel auf den Kalamitäten beruhe, in die die Figuren sich brächten. Dem ist nicht so, aber der Gedanke gefällt mir besonders gut, vor allem, weil er zeigt, wie Ideen in den Köpfen anderer Platz nehmen und sich von da aus selbständig machen. Und genau darum geht es beim Schreiben schließlich.

Und natürlich hoffe ich, dass jeder, der dieses Buch lesen wird, sich ebenfalls verlieben wird. In Land und Leute, in Stimmung und Licht, in das Lebensgefühl, das diesen Ort so einzigartig macht. Nur, dass der oder die Frischverliebte dann noch verlorener vor den Abfahrtstafeln auf dem Busbahnhof herumstehen wird als ich seinerzeit. Denn nach Kalamidi kommt man nicht mit dem Bus.