Don‘t level me up

Acht Uhr morgens, am Fähranleger wartet eine Gruppe Touristen auf das Boot, das sie heute zu einem besonders abgelegenen Strand bringen wird. Ein Mann mit Kapitänsmütze und weißem Bart rollt auf seinem Mofa herbei. Er steigt in genau dem Moment ab, als das Boot tuckernd um die Felsen kommt. Es schiebt sich seitlich an die Mole. Der Mann – CREW steht auf seinem enganliegenden T-Shirt, das keine Rundung seines Körpers kaschiert – bahnt sich in gemächlichem Wiegeschritt den Weg durch die Wartenden. Er tritt an die Reling des Boots und nimmt von dort ein Tauende entgegen, das er um einen Poller legt. Sodann lässt er sich auf dem Poller daneben nieder. Er wird sich nicht weiter vom Fleck rühren in der nächsten halben Stunde. Er wird zusehen, wie die Passagiere sich an Bord drängen. Er wird nicht sprechen. Er wird nicht auf die Uhr schauen, auch nicht, als die planmäßige Abfahrtszeit bereits um zehn Minuten überschritten ist. Irgendwann wird er aufstehen. Er wird das Tauende vom Poller heben und an Bord zurückreichen. Dann wird er zu seinem Mofa gehen und losfahren, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen.
Laut Schrittzähler bin ich, die ich, ihm zusehend, vor der Kaffeebar bei meinem Cappuccino mit unausgepacktem Keks sitze, zu diesem Zeitpunkt bereits 3000 Schritte gelaufen. Zum Frühstück habe ich mir exakt 424 Kalorien einverleibt, die 32 Gramm Protein beinhalten. Zuvor habe ich 7h44 geschlafen, nicht schlecht, die Tiefschlafqualität lässt allerdings wieder einmal zu wünschen übrig. Der Zustand meiner inneren Batterie, deren genauer Sitz mir unbekannt ist, ist annehmbar, mein Stresslevel zeigt sogar Grün. Ich bin bemüht, ihn in diesem Bereich zu halten, was nicht einfach ist, weil mich ein leichtes Vibrieren am Armgelenk alle paar Minuten an etwas erinnert, was ich zu erledigen habe: Wasser trinken, mich bewegen oder aufstehen, auf jeden Fall aber auf die Uhr schauen, die sich so um mein Wohlbefinden sorgt.

To do lists, Sprachlernapps, Tracker: Sie behaupten, mein Leben erleichtern zu wollen. Sie versprechen Verbesserung in allen möglichen Lebenslagen. Befolge ich die Vorgaben, erringe ich Meilensteine und Streaks. Dranbleiben lohnt sich, schon bald werde ich eine weitere Runde erreicht haben, vielleicht sogar das nächsthöhere Level, eine neue Chance auf den großen Wurf. Besser, klüger, schöner kann ich so werden, und wenn daraus nichts wird, zumindest langsamer altern. Mich verwandeln in die tollste Version meiner Selbst soll ich, mein bestmögliches Ich aus mir herauskratzen, mit 10 Tipps, wie ich meinen Mind resette, meinen Body in Topform bringe und zur interessantesten Person im Raum werde. „Es wird Zeit für deinen Winter Arc!“ schallt es mir aus Social Media entgegen. „Drei Monate, und kein Mensch wird dich wiedererkennen!“ Zugleich werde ich angehalten zu innerer Ruhe und Gelassenheit, die ich natürlich nie erreichen werde, weil ich sie gar nicht erreichen soll. Denn dann wäre das Spiel zu Ende, was nicht zufällig genau das Einzige ist, was unter keinen Umständen passieren darf.
Wir müssen das Leben als Spiel leben, schreibt Platon in seinen Gesetzen, aber welche Art Spiel hat er dabei im Sinn? Die Art Spiel, wie ich sie vor Jahren in meinem ersten Computerspiel kennenlernen durfte? Es nannte sich schlicht Hugo und war eine erst in Rudimenten entwickelte Version der Spiele, wie wir sie heute kennen und bei dem es doch um genau das Gleiche ging, nämlich darum, Zeit und Raum zu vergessen, sich mit allem, was einem zur Verfügung steht, dieser einen Partie zu widmen. Im Falle eines Sieges war vom arglosen Hugo nichts zu erwarten außer dass man sich sogleich auf dem nächsthöheren Schwierigkeitsgrad wiederfand. Nacht um Nacht verbrachte ich damit, grafisch unterirdisch animierte Minen aus dem Weg zu räumen, bis mir die Augen brannten und ich frustriert aufgab, nur um am anderen Tag erneut zu versuchen, in einem Kampf, der kein Ende kannte. Als ich schließlich begriff, was hier vor sich ging, hatte ich eine nicht unwichtige Jura-Klausur verhauen und einige Stunden an Lebenszeit verschenkt. Dafür war ich um eine Erkenntnis reicher geworden. Seither lasse ich die Finger von derartigen Spielen.
In Form von Selbstoptimierungs-Apps haben sie sich durch die Hintertür wieder in mein Leben geschlichen. Was anfangs Spaß gemacht hat, erlebe ich mehr und mehr als Instrumente der Kontrolle. Egal ob wissenschaftlich fundiert, halbwegs belegt oder willkürlich an den Haaren herbeigezogen, stets will mir etwas sagen, wer und wie ich zu sein habe. Ohne dass ich mir dessen zunächst bewusst bin, bemühe ich mich zu einer Person zu werden, die ich vielleicht gar nicht bin oder jedenfalls nicht werden will. Möchte ich wirklich, dass mich keiner wiedererkennt nach drei Monaten? Nö. Mein Blickwinkel verengt sich, ich bewege mich wie in einem Tunnel auf ein vermeintliches Licht zu. Aber am Ausgang wartet gar nichts, erst recht kein Licht, das Einzige, was sich öffnet, ist ein neuer Tunnel, mit neuem vermeintlichem Licht an seinem Ende.
Ein solches Spiel meinte Platon vermutlich nicht. Bei ihm geht es eher darum, dass man sein Leben mit Ernst und unter Wahrung einer gewissen Form, aber ohne außerhalb des Spiels liegenden Zweck zu leben habe. Also eigentlich genau das Gegenteil der Gamification unseres Daseins, wie wir es heute überall erleben.

Was ich den Crew-Mann bei seiner Arbeit tun sehe (diese Arbeit, die aus diesem Grund natürlich auch gar nicht wie Arbeit aussieht, sondern eher wie eine besonders würdevolle Art, sein Leben zu gestalten), kommt dem sehr nahe. Er scheint nicht unter Druck zu stehen, weder von innen noch von außen. Ohne ihm nahetreten zu wollen, scheint sein Aussehen von keinerlei Selbstoptimierungswillen getrieben zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich groß Gedanken macht über sein Gewicht oder über seine silbernen Brust- und Armhaare, die aus dem CREW-Shirt hervorschauen. Mit aufrechtem Rücken steuert er sein Mofa vom Anleger in den Ort, eins und im Reinen mit sich und der Welt. Ziel erreicht, will man ihm zurufen. Du genügst dir und die Welt gleich mit dazu!
Natürlich kann ich nicht sagen, ob mein Crew-Mann in Wahrheit nicht doch Minesweeper spielt oder irgendeinem anderen Gaming-Kosmos verfallen ist. Vielleicht steuert er allabendlich einen Champion bei League of Legions oder träumt von märchenhaftem Reichtum durch Bitcoins. Vielleicht wird auch er im kommenden Jahr eine breite Uhr am Handgelenk tragen, die seine Gesundheitsdaten misst und ihm ein schlechtes Gewissen einflößt mit jedem Stück Baklava, das er zu sich nimmt. Hier und jetzt, frühmorgens am Anleger zückt er weder Handy noch Uhr. Sein Blick schweift gelassen über Fahrgäste, das Wasser hin bis zu den Bergen und wieder zurück. Bei sich und doch mitten im Leben.

Und ich? Ich beschließe, dass ich selbst weiß, wann ich gut geschlafen habe. Ring, App und Uhr sind verzichtbar, um meinen Stresslevel zu erspüren: Mit jedem Mal, das ich ungeduldig oder gereizt werde, ist mir und meiner geprüften Umwelt ohnehin klar, dass da gerade etwas in den roten Bereich hinüberwechselt. 10.000 gelaufene Schritte manifestieren sich abends in meinen Füßen, und wenn ich satt bin, müde oder durstig, meldet sich mein höchstpersönliches Messinstrument, auch bekannt als Körper.
Gut genug. Ein Spiel, das Regeln folgt, mit Ernst und Freude und Leidenschaft betrieben. Darauf lasse ich mich gerne ein, auf eines allerdings kann ich dabei gut verzichten: auf das nächsthöhere Level.
