Zum Inhalt springen
Wie das Leben so spielt

5 Min. Lesezeit

FILOXENIA – Wenn Fremde Freunde werden und vom Flirren der Erinnerung

Mit 21 reiste ich zum ersten Mal nach Kreta. Wir nahmen den günstigsten Nachtflug, den wir bekommen konnten und erreichten Chania gegen vier Uhr morgens. Ein Zimmer hatten wir nicht gebucht. Über verschiedene Ecken hatten wir gehört, in Griechenland könne man quasi umsonst auf Häuserdächern übernachten. Bei unserer Ankunft war die Stadt wie ausgestorben. Tavernen und Bars waren nicht mehr, Bäckereien und Busbahnhof noch nicht geöffnet. Die mehrstöckigen Häuser ragten dunkel und abweisend in die Nacht. Sie wirkten nicht, als würden junge Menschen in Massen auf ihren Dächern liegen und eine gute Zeit haben. Wir beschlossen, auf den Morgen zu warten und setzten uns vor eine schlecht beleuchtete Grünanlage. Irgendwann trat ein Mann aus den Büschen auf uns zu und sprach uns an. Wir verstanden kein Wort. Vorsichtshalber machten wir abwehrende Gesichter. Daraufhin zog er ein machetenartiges Messer aus der Tasche. Doch nicht uns zerhackte er, sondern eine gigantische Wassermelone, die er in einer Plastiktüte bei sich trug. Mit stummer Geste reichte er uns davon. Wir aßen zusammen und er fragte, ob wir eine Unterkunft suchten. Wenige Minuten später fuhr er uns in seinem Auto zu seiner Schwester, die nicht nur Zimmer vermietete, sondern auch kein Problem damit zu haben schien, mitten in der Nacht aufzustehen und Gäste zu empfangen. Noch bevor ich auf Kreta richtig angekommen war, war sie mir bereits begegnet – Filoxenia.

Den Begriff lernte ich erst später kennen. Dass der Freundschaft zum Fremden schon im antiken Griechenland eine hohe Bedeutung zukam, wusste ich damals noch nicht. Dabei erleben wir Gastfreundschaft auf Kreta bis heute: im Obst oder Kuchen nach dem Essen, im Raki, den manch Ortsunkundiger mit den Worten zurückweist, das habe er aber nicht bestellt.

Wenn ich über diese Erinnerung schreibe, erwacht in mir nicht nur augenblicklich wieder die damalige Zeit zum Leben, sondern auch mein früheres Ich: die junge Frau, die ich damals war, mit ihren Träumen und Hoffnungen, ihren Ängsten und Zweifeln. Ich sehe den Weg, den sie zurückgelegt hat seither: wie viel sie erlebt, dazugelernt, in Teilen aber auch wieder verlernt hat, was ihr widerfahren ist, was sie überwunden, sich erkämpft hat.

Wenn wir uns erinnern, vor allem, wenn wir uns schreibend erinnern, dann kommt es mir vor, als verbinde sich unser heutiges Wesen mit unserem früheren Ich. Sich zu erinnern ist mehr als eine Abfolge von Lebensereignissen herzustellen. Mehr als chronologisches Auflisten, mehr als eine bloße Linie zwischen zwei Punkten. Es ist ein Draht, ein unsichtbarer, der Kontakt aufnimmt. Ich stelle es mir gerne vor wie bei der Akupunktur. Zwei Nadeln werden gesetzt und auf einmal beginnt etwas zwischen ihnen zu pulsieren. Es kribbelt, es flirrt, fast wie ein kleiner Stromschlag. Es lebt. Ich lebe! Und schon erscheint das, was damals war, in einem ganz neuen Licht: nicht mehr als ein eigentlich abgeschlossenes Ereignis aus einem Leben, das längst weiterging, nicht mehr nur als Reiseepisode, die sich gut erzählen lässt.

Warum aber ist es mehr als eine willkürlich ausgesuchte Anekdote unter vielen? Weil ich ihr durch mein Erinnern eine Bedeutung gebe. Und die Augen, durch die ich heute darauf blicke, prägen die Bedeutung. Wären diese Augen, dieser Blick ein anderer, hätte ich vielleicht eine andere Geschichte zu erzählen. Ich würde ausschließlich das Messer erinnern. Ich könnte mein damaliges Verhalten als allzu leichtsinnig, zu gutgläubig und naiv einstufen und die Geschichte als Beleg dafür erzählen, was ich auch heute glauben würde: dass man – beispielsweise – nicht vorsichtig genug sein kann, erst recht bei Fremden, erst recht im Ausland. (Vermutlich aber wären diese Augen dann schon damals andere gewesen, und sie hätten nur eine Reaktion gekannt: wegzurennen, so schnell wie möglich. Das hätte Folgen gehabt: keine Wassermelone. Keine nächtliche Autofahrt am schäumenden Meer entlang. Keine freundliche Zimmerwirtin, die uns ausschlafen ließ und Stunden mit dem Frühstück auf uns wartete).

Aber so ist mein Blick nicht. Was ich sehe, ist dies: Wie wundervoll es doch ist, dass meine allererste Begegnung in dem Land, von dem ich damals noch nicht wusste, wie viel es mir künftig bedeuten würde, mich direkt mit dieser Haltung der Filoxenia in Kontakt brachte. Eine Haltung, die ich damals erst zu verstehen begann. Und die mir in einer Zeit, in der alles Fremde allzu oft kritisch betrachtet, wenn nicht gleich abgewehrt wird, umso großartiger erscheint. Die Angst, sich selbst zu verlieren, wenn man dem Fremden zu viel Freundschaft entgegenbringt, kommt mir nach meinen Erfahrungen auf Kreta geradezu absurd vor. Hier erscheint mir die Gastfreundschaft vielmehr ein Ausdruck der eigenen Identität zu sein.

Insoweit hat das Erinnern nicht nur eine rein persönliche Komponente, sondern häufig ebenso eine gesellschaftliche, oft genug auch eine politische. In der Biografiearbeit ist mir dieser Aspekt wichtig: Wir begreifen uns nicht nur als Individuen, als Menschen mit unserem höchstpersönlichen Schicksal, sondern zugleich auch als Teil der Gesellschaft, als Menschen in unserer Zeit.

Die Wassermelonen-Nacht gehört in meine Zeit. In den Neunzigern war ich eine junge Frau, die zum ersten Mal allein in ein unbekanntes Land verreiste. In einer Zeit vor Handy und Internet und Google-Sprachübersetzer. Ich war unerfahren, oft ängstlich und zugleich voller Vertrauen in die Welt um mich und in ihre Möglichkeiten. In meiner Erinnerung war ich oft müde und verschlief halbe Tage, etwas, das mir heute nicht mehr passiert. Gleichzeitig war ich erfüllt von dieser besonderen Energie, wie man sie hat, wenn man jung ist. In gewisser Weise war ich damals also eine andere. Und doch finde ich mich im Erinnern in dieser anderen wieder.

Heute weiß ich mehr als damals. Ich würde meinen Kindern nicht raten, einfach drauflos in ein fremdes Land zu reisen. Ich weiß, dass man nicht falsch liegt, wenn man ein gezücktes Messer nicht grundsätzlich für eine Einladung hält. Ich habe gelernt, dass Wassermelone auf Griechisch karpousi (καρπούζι) heißt und dass sie doppelt so groß sind wie die Melonen in Deutschland. Einen Lacherfolg erntet man, wenn man sie mit einer Honigmelone (πεπόνι) verwechselt, die im griechischen Alltag mit der Wassermelone ungefähr so viel zu tun hat wie eine Tomate mit einer Erdbeere hierzulande.

Was ich außerdem noch weiß: Erinnerungen sind nicht einfach nur Momente der Vergangenheit. Indem wir sie lebendig halten und ihnen Bedeutung geben, entwerfen wir immer auch ein Bild unseres heutigen Selbst.

Auf die Verbindung kommt es an. Auf das Flirren zwischen damals und heute. Wenn ich an diese Nacht zurückdenke, ist sie nicht nur eine Geschichte über ein Messer und eine Wassermelone. Sie ist ein Weg zu der jungen Frau, die ich einmal war — und zurück zu der, die ich heute bin.